Moore müssen nass! Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten, Foto: Urs Moesenfechtel (UFZ)

Moore müssen nass!


"Jetzt gilt es, die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren an die sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen
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Sehr geehrter Herr Prof. Joosten, in der aktuellen Klimadebatte setzen Sie sich besonders dafür ein, die Moore verstärkt in den Blick zu nehmen. Warum sind Moore für das Klima so wichtig?

Moore gehören zu den Ökosystemen mit der höchsten Kohlenstoffdichte auf der Erde. Ihre Bedeutung für das Klima wird schnell deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass in Deutschland die Moorböden für 99% der CO2-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden zuständig sind, obwohl Moore nur 6% der landwirtschaftlich genutzten Fläche ausmachen.

Welche Rolle nehmen Moore zu anderen Emissionsquellen ein?

Deutschland gehört zu den Ländern mit den höchsten Treibhausgas(THG)-Emissionen pro Hektar Moorboden. Das liegt daran, dass ein Großteil der Moore entwässert und landwirtschaftlich genutzt wird. Werden Moore entwässert, tritt der in ihnen gebundene Kohlenstoff über Oxidationsprozesse in die Atmosphäre. In einigen Bundesländern hat das gravierende Ausmaße. So sind in Mecklenburg-Vorpommern entwässerte Moore die größte einzelne Emissionsquelle für THG. Für 2008 haben wir festgestellt, dass sie etwa so viel emittieren, wie der gesamte Verkehr, alle Haushalte und die Industrie in dem Bundesland zusammengenommen. Diese rund 6 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente, d.h. 35% von allen durch Menschen verursachten Emissionen, kommen von etwa 13% der Fläche des Bundeslandes. Moore sind damit ein echter „Klima-Hotspot“.

Die Landwirtschaft als Klimasünder?

Über Jahrhunderte haben die Menschen unter größten Mühen Moore in Deutschland entwässert und urbar gemacht. Das entsprach dem richtigen Ziel, Einkommen zu erwirtschaften und die Ernährungssicherheit zu verbessern. Aber seit 20 Jahren haben wir mittlerweile umfassend gesicherte Erkenntnisse über die Klimafolgen dieser Umwandlung von Mooren. Jetzt gilt es, die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren an die sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen. Es ist gesamtgesellschaftlich absurd, wenn wir einerseits viel Geld für Klimaschutz ausgeben, und andererseits mittels teurer Subventionen eine klimaschädliche Landwirtschaft auf Moorböden fördern. Man kann natürlich nicht hingehen und diese historisch gewachsene Situation einfach für obsolet erklären. Die Klimapolitik darf nicht die einzelnen Landwirte ihrer Erwerbsmöglichkeiten berauben. Allerdings muss es mittelfristig darum gehen, neue Formen der Landnutzung auf nassen Moorböden zu entwickeln. Es gibt mehr als 50 verschiedene landwirtschaftlich nutzbare Pflanzen, die auf nassen Moorböden gut gedeihen. Bisher ist das Wissen dazu - Stichwort Paludikultur - kaum zugänglich. Auch müssen die Anreize für die Landwirtschaft entsprechend geändert werden. Dazu forschen wir.

Dazu diente jetzt auch der 'Kleine Moorgipfel' in Berlin?

Im weiteren Sinne ja. Am 23. Oktober 2013 haben wir eine neue Version der MoorFutures® vorgestellt. Das sind Klimazertifikate über Emissionseinsparungen durch Moor-Wiedervernässung. Diese kann jeder über www.moorfutures.de erwerben. So kompensiert zum Beispiel das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig einen Teil seiner Dienstreisen mittels MoorFutures®. Das Besondere an der neuen Version dieser Zertifikate ist, dass sie weitere ökologische Vorteile, die die Wiedervernässung mit sich bringt, genauer abschätzen können. Die Wiedervernässung fördert zum Beispiel die Biodiversität. Vernässte Moore reinigen darüber hinaus die Gewässer von Schadstoff-Einträgen aus den umliegenden Feldern. Diesen ‚Premium-Charakter‘ haben Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erkannt und bieten daher bereits MoorFutures® auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt an. Auf dem Kleinen Moorgipfel wurde die Weiterentwicklung und weitere Verbreitung des MoorFutures-Standards® diskutiert. Die MoorFutures® sind auch ein prominentes Beispiel der Initiative Naturkapital Deutschland: Sie zeigen sehr gut, dass es möglich und notwendig ist, die Ökosystemleistungen dieses Landes besser in Wert zu setzen und zu nutzen – und dass es Instrumente gibt, die dies heute schon ermöglichen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel

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Prof Dr. Dr. h.c. Hans Joosten leitet die Arbeitsgruppe Moor- und Paläoökologie am Institut für Botanik und Landschaftsökologie der Universität Greifswald. Er ist Generalsekretär der International Mire Conservation Group und arbeitet seit Jahren auch im Rahmen des IPCC zu Mooren. Er hat wesentlich den Verified Carbon-Standard für Klimazertifikate durch Moor-Wiedervernässung mitentwickelt, sowie analog dazu den MoorFutures®-Standard. Der MoorFutures®-Standard wurde 2011-2013 mit Mitteln des BfN weiterentwickelt und um zusätzliche Ökosystemleistungen ergänzt. Augustin Berghöfer hat das Vorhaben am UFZ koordiniert.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.moorfutures.de

Artikel von Herrn Joosten in Nationalpark 3/2014: Die Moorwelt wird nass. Blick in die Zukunft der Moore.

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