Interview mit VAUDE Geschäftsführerin Antje von Dewitz

"Förderung für ökologisches Engagement in der Wirtschaft ist überfällig“

Dr. Antje von Dewitz ist seit 2009 Geschäftsführerin im Familienunternehmen VAUDE, den ersten Outdoor-Ausrüster, der bereits 2001 einen gesamten Produktbereich (Base Layer) unter dem strengen Umweltstandard bluesign® fertigte. Seit langem engagiert sie sich für umwelt- und sozialverträgliche Produktion und Nachhaltigkeit im gesamten Produktlebenszyklus.

Frau von Dewitz, welche Rolle spielt die Natur in Ihrem Leben, dass Sie sich mit Ihrem Unternehmen so betont für Ihre Erhaltung einsetzen?

Die Natur ist mein "Lebenselixier". In der Natur schöpfe ich Kraft und hier erde ich mich. Am liebsten erlebe ich die Natur beim Wandern oder Radfahren.

Von welchen Leistungen der Natur lebt Ihr Unternehmen?

Die Natur bietet einen hohen Freizeitwert für sämtliche Outdoor-Aktivitäten und ein unerschöpfliches Einsatzgebiet für unsere Ausrüstung. Aus der Natur gewinnen wir Materialien wie Baumwolle, Hanf oder Bambus, die angenehm zu tragen sind und unsere Produkte mit natürlicher Funktion ausstatten. Außerdem leiten sich viele der klassischen Outdoorfunktionen aus Nachahmungen der Natur ab - ob Abperleffekt der Lotusblüte oder die Funktionsweise von Membranen.

Sehen Sie in der Unternehmenswelt ein Bewusstsein für die eigene Verantwortung, die Wirtschaftsunternehmen bzgl. der Existenz und Erhaltung von Naturressourcen und Ökosystemfunktionen haben, und der damit verbundenen Leistungen für die Menschen?

Dieses Bewusstsein sehe ich zunehmend, aber es ist definitiv ausbaufähig. Unser Wirtschaftssystem orientiert sich nun mal in erster Linie am „Homo Oeconomicus“ und ist auf den ökonomischen Erfolg ausgerichtet, der leider noch allzu oft losgelöst von ökologischen und sozialen Faktoren verfolgt wird. Angesichts dieser Ausgangslage halte ich den Ansatz von Naturkapital Deutschland für sinnvoll, die Leistungen der Natur in eine ökonomische Sprache zu übersetzen, damit sie in der Wirtschaft stärker berücksichtigt werden.

Bedeutet Umweltbewusstsein als Unternehmer grundsätzlich weniger Profit?

Vordergründig ja, denn umweltfreundliche Produktionsverfahren und Materialien sind in der Regel teurer. Auch die Umsetzung von Konzepten wie Klimaneutralität oder Biodiversität verursacht zusätzliche Kosten, ebenso die Durchführung von Audits und Zertifizierungen. Andererseits entstehen durch eine höhere Ressourceneffizienz auch wieder Einsparpotenziale. Darüber hinaus können wir uns durch unser Engagement höherwertig positionieren, wodurch unsere Marke an Begehrlichkeit gewinnt – das ist die Grundlage für unseren wirtschaftlichen Erfolg. Ganzheitlich betrachtet, das heißt unter Einbezug der "freien" Leistungen der Natur und deren Erhaltung, bedeutet Umweltbewusstsein für ein Unternehmen, dass es ökonomisch sinnvoll und damit langfristig auch profitorientiert handelt.

Welche Erwartung haben Sie hierbei an die Politik?

Ich erwarte stärkere Regulierungen und Vorgaben für eine umweltfreundliche Produktion. Als mittelständisches Unternehmen haben wir wesentlich größere Chancen, unsere Lieferanten zur Entwicklung ökologischer Materialien zu bewegen, wenn diese von allen Herstellern per Gesetz verwendet werden müssen. So würden wir bspw. ein Verbot des Einsatzes von Fluorcarbonen (PFC) in der Textilindustrie begrüßen. Diese Stoffe, die bspw. in Membranen und Wasser abweisenden Ausrüstungen verwendet werden, sind problematisch für die Umwelt. Wir arbeiten schon seit mehreren Jahren an einem PFC-Ausstieg, der allerdings mangels Alternativen derzeit noch nicht komplett möglich ist. Ein gesetzliches Verbot wäre die wirksamste Maßnahme, um die Entwicklung unschädlicher Alternativen in der Chemieindustrie zu beschleunigen. Umso schneller könnten wir diese in unseren Produkten einsetzen. Außerdem halte ich es für überfällig, dass ökologisches Engagement in der Wirtschaft stärker gefördert wird, bspw. durch Steuervergünstigungen.

Wirtschaftsunternehmen sehen sich zur Gewinnoptimierung gezwungen. Nachhaltigkeit als Gesamtausrichtung in der Produktion ist in großen Teilen freiwillig und hält im Zweifelsfall ökonomischen Kriterien nicht stand. Welche Argumente oder Maßnahmen könnten Unternehmer hier anders entscheiden lassen?

Ein nachhaltig geführtes Unternehmen ist meiner Erfahrung nach erfolgreich, wenn es sich klar auf soziale und ökologische Werte ausrichtet und diese ebenso fachlich kompetent wie konsequent verfolgt. Um dahin zu kommen, müssen Entscheider sich einer ganzheitlichen Betrachtung öffnen und sich bspw. den sozialen und ökologischen Folgen ihrer Entscheidungen in aller Konsequenz stellen. Dieses Wissen schafft Bewusstsein und verändert Haltungen und Entscheidungen.

Wie kann Naturkapital Deutschland hierzu beitragen und wie sollten die Berichte aussehen, um in Ihrer Zielgruppe die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen?

Genau das tun: Bewusstsein und Transparenz schaffen durch aufklärende Berichte in einer aus ökonomischer Sicht verständlichen Sprache. Diese können den Blick schärfen und den Wert der Natur verdeutlichen.

Welche Rolle sehen Sie für sich als Mitglied des Projektbeirates?


Einerseits lasse ich meine unternehmerische Perspektive in die Projektarbeit einfließen. Andererseits möchte ich gerne zeigen, dass eine umweltfreundliche Unternehmensführung erfolgreich sein kann und damit zur Glaubwürdigkeit in der Wirtschaft beitragen. Gerne rege ich natürlich auch zur Nachahmung an!

Das Interview führte Sebastian Tilch

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